Innerhalb der Nutzkraftwagen- und Landmaschinenindustrie der DDR spielten die Sechszylinder-Dieselmotoren (6VD) eine zentrale Rolle. Obwohl beide Triebwerke aus dem IFA-Kombinat stammten, unterschieden sie sich hinsichtlich ihrer Entwicklungsgeschichte, ihrer technischen Spezifikationen und ihrer vorgesehenen Einsatzgebiete grundlegend.
Entwicklungszeitraum und Historie
- Schönebeck (Dieselmotorenwerk Schönebeck): Die Entwicklung der Großdiesel-Baureihe (insbesondere 6VD 14,5/12) reicht bis in die 1960er Jahre zurück. Schönebeck war traditionell auf schwerere Aggregate für Traktoren (z. B. ZT-Reihe), Mähdrescher (E 516/E 517) und Stationäranlagen spezialisiert.
- Nordhausen (VEB IFA Motorenwerke Nordhausen): In Nordhausen lag der Fokus lange Zeit auf den Vierzylindermotoren für den LKW IFA W50. Parallel dazu entwickelte man ab Ende der 1960er und verstärkt in den 1970er/1980er Jahren eigene Sechszylindermotoren (wie die Baureihen 6VD 13,5/12 sowie Prototypen wie den 6VD 12,5/12) als Nachfolge- und Leistungsklasse für den LKW IFA L60 und spätere Fahrzeuggenerationen.
Die Motoren im direkten Vergleich
| Hauptsächlicher Einsatz | Schwerlast, Landtechnik, Mähdrescher, Generatoren | Nutzkraftwagen (z. B. IFA L60), Spezialfahrzeuge |
| Bohrung × Hub | 120 mm × 145 mm (Hubraum ~9,8 Liter) | 120 mm × 135 mm (Hubraum ~9,2 Liter) |
| Brennverfahren | Direkteinspritzung (MAN-Lizenz / M-Verfahren) | Eigenentwickeltes H-Verfahren (lizenzfrei) |
| Konstruktionsfokus | Drehmomentstarkes, langlebiges Schwerkraftaggregat | Höhere Drehzahlfestigkeit, LKW-Tauglichkeit |
Leistungsfähigkeit und Innovation
- Der leistungsfähigere Motor: Die leistungsstärksten Sechszylinder-Aggregate kamen klar aus Nordhausen. Durch moderne Aufladung und Ladeluftkühlung erreichten die Nordhäuser Entwicklungen Nennleistungen von 210 kW (285–290 PS) (in späteren Weiterentwicklungen/Prototypen und Nach-Wende-Ausführungen wie der Verwandtschaft zur Kirloskar-Lizenz mit über 310 PS). Damit übertraf Nordhausen die Schönebecker 14,5er-Baureihe bei der Spitzenleistung deutlich.
- Der modernere Motor: Auch in puncto Technologie war der Nordhäuser 6VD das fortschrittlichere Triebwerk. Er nutzte das lizenzfreie, thermodynamisch optimierte H-Brennverfahren (Hyperboloid-Verfahren). Es bot einen besseren Wirkungsgrad, ein moderneres Verbrennungsverhalten und war speziell auf höhere Drehzahlen sowie den mobilen Nutzkraftwagen-Einsatz ausgelegt.
1. Der Schönebecker 6VD (Baureihe 14,5/12)
Der klassische und am weitesten verbreitete 6-Zylinder aus dem VEB Dieselmotorenwerk Schönebeck ist der 6 VD 14,5/12.
- Konstruktion: Er ist der „große Bruder“ des bekannten W50-Motors (4VD 14,5/12). Er teilt sich mit diesem die Zylinderlaufbuchsen, Kolben und den Hubweg.
- Hubraum: 9.840 cm³ (9,8 Liter).
- Kühlung: Es gab ihn sowohl wassergekühlt (SRW) als auch luftgekühlt (SRL).
- Leistung: Je nach Ausführung und Einsatzzweck 100 bis 190 PS (z. B. 150 PS im Feldhäcksler Fortschritt E 280 oder bis zu 190 PS im Autodrehkran ADK 125).
- Einsatzgebiete: Schwere Landmaschinen (Feldhäcksler, Mähdrescher), Mobilkräne, Schienenfahrzeuge (wie die Rangierlok V10C) und stationäre Notstromaggregate.
2. Der Nordhäuser 6VD (Baureihe 13,5/12)
Der 6-Zylinder aus dem VEB IFA Motorenwerk Nordhausen ist eine deutlich modernere Neuentwicklung der späten 1980er Jahre, bekannt als 6 VD 13,5/12 SRF.
- Konstruktion: Völlig eigenständige, neu konstruierte Baureihe mit verringertem Hub. Er verfügt über das weiterentwickelte MAN-Direkteinspritzverfahren (M-Verfahren bzw. Hyperboloid-Verfahren).
- Hubraum: 9.160 cm³ (7,7 Liter) – er ist damit deutlich kompakter und hubraumkleiner als der Schönebecker Motor.
- Kühlung: Grundsätzlich wassergekühlt.
- Leistung: 180 PS als Saugmotor (konzipiert für spätere Leistungssteigerungen per Turbolader bis 290 PS).
- Einsatzgebiete: Dieser Motor wurde gezielt als Nachfolger für den W50-Motor entwickelt und exklusiv für den neuen IFA-Lkw L60 aus Ludwigsfelde gebaut.
Die technischen Hauptunterschiede im Überblick
| Genaue Bezeichnung | 6 VD 14,5/12 SRW / SRL | 6 VD 13,5/12 SRW / SRF |
| Hubraum | 9.840 cm³ (ca. 9,8 Liter) | 9.160 cm³ (ca. 9,2 Liter) |
| Bohrung × Hub | 120 mm × 145 mm | 120 mm × 135 mm |
| Hauptsächlicher Einsatz | Traktoren (ZT 320/323), Feldhäcksler (E 281), Fahrzeugkrane (ADK 125), Lokomotiven (V10C) | IFA LKW L60 (Nachfolger des W50) |
| Leistung | Je nach Variante 150 bis 190 PS (teilweise bis 220 PS) | 180 PS (Sauger), später für Euro-Normen weiterentwickelt Leistungssteigerungen per Turbolader bis 290 PS |
| Kühlungsart | Meist wassergekühlt (SRW), existiert aber auch als luftgekühlte Variante (SRL für Loks) | Primär wassergekühlt (SRW / SRF) |
| Charakter | Schwerer, bulliger Industriemotor Modernerer, kompakterer Lkw-Motor | Modernerer, kompakterer Lkw-Motor |
Während der Schönebecker 6VD als großvolumiger Klassiker die schwere Landtechnik prägte, stellte die Nordhäuser 6VD-Baureihe die modernste und mit bis zu 210 kW (290 PS) leistungsstärkste Stufe des DDR-Sechszylinder-Dieselmotorenbaus dar. Der 6 VD 13,5 /11,8 aus Nordhausen, wird heute noch in Indien als weiterentwickelter Motor KIRLOSKAR 6SL 1500TA G3 und KIRLOSKAR 6SL8800TA produziert, mit Ladeluftkühlung leistet er 310 PS. Einen solchen Motor kann man im IFA Museum Nordhausen besichtigen.
Zusammenfassend verkörperte der Schönebecker 6VD das robustere Arbeitstier für maximale Belastungen in der Agrarwirtschaft, während der Nordhäuser 6VD die modernere Weiterentwicklung für den mobilen Güterverkehr darstellte.
Typenschild 6VD aus Nordhausen
Der Motor KIRLOSKAR 6SL 1500TA G3 und KIRLOSKAR 6SL8800TA produziert, mit Ladeluftkühlung leistet er 310 PS. Einen solchen Motor kann man im IFA Museum Nordhausen besichtigen.