Technischer Hintergrund und Entstehung
In den frühen 1970er-Jahren standen die IFA-Automobilwerke vor einer gravierenden technischen und ökonomischen Herausforderung. Die Hinterachsbrücken der im harten Alltagsbetrieb – insbesondere in der Land- und Bauwirtschaft – eingesetzten Lastkraftwagen vom Typ IFA W50 zeigten im Fahrbetrieb zunehmend Schwachstellen. Da die Anschaffung konventioneller Großpressen für die Warmumformung Investitionen im Millionenbereich erfordert hätte und im Zuge fehlender Devisen kaum realisierbar war, suchte ein Neuererkollektiv unter der Leitung von Horst Steinicke nach alternativen Fertigungsmethoden.
Die Lösung war das sogenannte Explosivumformen (eine Form der Hochgeschwindigkeitsumformung). Dabei wurden zwei Stahlprofile durch Hochstromschweißen zu einem Kastenprofil verbunden. Nach dem Einbringen eines Energieübertragungsmediums (zunächst Sand, später Renschlacke) und einer präzise dosierten Sprengstoffladung (wie Gelatine-Donarit) wurde das Werkstück innerhalb einer speziellen hydraulischen Viersäulenpresse durch die Detonation in seine endgültige Form gepresst. Nach erfolgreichen Testreihen ging die Technologie 1976 in die Serienfertigung über.
Internationales Interesse und Grenzen der DDR-Wirtschaft
Aufgrund des unkonventionellen Ansatzes, mit minimalem maschinellen Aufwand und ohne teure Importpressen hochbelastbare Bauteile herzustellen, erregte das Verfahren auch im westlichen Ausland fachliches Interesse. Eine globale Vermarktung oder ein industrieller Technologietransfer im großen Stil blieben der DDR jedoch verwehrt. Dies lag vor allem an den strukturellen Isolierungen der Planwirtschaft, strengen Sicherheits- und Geheimhaltungsauflagen sowie daran, dass die aufwendige Handhabung von Sprengstoffen im automatisierten Taktbetrieb schwer international zu skalieren war.
Was wurde aus dem Patent?
Mit der politischen Wende und der Abwicklung des IFA-Kombinats verlor das Patent seine wirtschaftliche Relevanz im industriellen Maßstab. Die Technologie wurde nicht weiter kommerziell verfolgt, und entsprechende Schutzrechte liefen im Zuge der Zeit aus oder wurden nicht erneuert. Heute gilt das Verfahren in diesem spezifischen Kontext als historisches Beispiel für den Erfindungsreichtum und die Improvisationskunst unter Mangelwirtschaftsbedingungen.
Werden Achsen heute noch durch Explosionen hergestellt?
In der modernen Serienproduktion von Nutzfahrzeug- und PKW-Achsen wird das Explosivumformen nicht mehr eingesetzt.
- Heutige Industriestandards: Die Automobilindustrie setzt stattdessen auf vollautomatisierte und hochpräzise Verfahren wie das Innenhochdruckumformen (IHU), das klassische Gesenkschmieden oder das Tiefziehen mit schweren hydraulischen Pressen, kombiniert mit robotergestützter Schweißtechnik. Diese Methoden garantieren wesentlich höhere Taktzeiten, einen kontinuierlichen Fertigungsfluss ohne sicherheitstechnische Barrieren von Sprengstoffanlagen und engste Toleranzen.
- Nischenanwendungen: Das Prinzip der explosiven Umformung existiert in der modernen Technik zwar weiterhin, ist jedoch auf Spezialbereiche wie die Luft- und Raumfahrt, die Rüstungsindustrie oder die passgenaue Umformung extrem schwer verformbarer, großflächiger Speziallegierungen in Kleinstserien beschränkt.