Der Industrieverband Fahrzeugbau (IFA) betrieb im Rahmen der Entwicklung und Fertigung von Lastkraftwagen wie dem IFA W50 und dessen Nachfolger IFA L60 punktuelle wie auch strategische Kooperationen, Technologietransfers und Entwicklungsversuche mit namhaften ausländischen Fahrzeugherstellern. Trotz der politischen und ökonomischen Einschränkungen der Planwirtschaft gab es sowohl im Bereich des Technologielizenzkaufs als auch bei Versuchen zur gemeinsamen Entwicklung und Komponentenanpassung konkrete Kontakte zu westlichen Nutzfahrzeugkonzernen.
M-Verbrennungsverfahren und Motorentechnologie (MAN)
Ein zentraler Meilenstein in der Fertigung der IFA-LKW-Motoren basierte auf einer westdeutschen Lizenz.
- Kooperationsgegenstand: Das sogenannte M-Verbrennungsverfahren (Mittenkugel-Verfahren) der MAN (Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg).
- Entwicklung und Umsetzung: Für den im VEB Motorenwerk Nordhausen gefertigten Vierzylinder-Dieselmotor 4 VD 14,5/12-1 SRW des IFA W50 erwarb die DDR die Fertigungslizenz des M-Verfahrens von MAN. Die Nutzung dieses Patentansatzes ermöglichte eine effizientere Direkteinspritzung sowie ein deutlich leises, geräuschreduziertes Verbrennungsverhalten des Motors.
Versuche zur Integration ausländischer Fahrerhäuser für den IFA L60
Da die Eigenentwicklung eines neuen, zeitgemäßen Fahrerhauses für den W50-Nachfolger (L60) aufgrund hoher Werkzeugkosten und fehlender Investitionsmittel im DDR-Maschinenbau ins Stocken geriet, wurden ab den 1970er-Jahren verschiedene Fremdfahrerhäuser westlicher und europäischer Hersteller auf ihre Eignung untersucht:
- Volvo / Vierer-Club (1977/1978): Im Jahr 1977 verhandelte das DDR-Ministerium für Wissenschaft und Technik mit dem schwedischen Hersteller Volvo. Ziel war die Übernahme der Fahrerkabine des sogenannten „Vierer-Clubs“ (einem Gemeinschaftsprojekt von Volvo, DAF, Magirus-Deutz und Saviem/Renault). Ein Versuchsmuster der Volvo-Kabine wurde 1977 auf ein L60-Fahrgestell angepasst. Trotz fortgeschrittener Vertragsgespräche für das Jahr 1979 scheiterte das Projekt an fehlenden Devisen.
- Steyr-Daimler-Puch (1984): Parallel erfolgten Einbauuntersuchungen im Ludwigsfelder Musterbau mit Serienkabinen des österreichischen Herstellers Steyr. Wegen unzureichender Raumökonomie und hoher Kosten wurde der Versuch nicht weiterverfolgt.
- Sisu (Finnland): Ebenfalls wurden Kabinen des finnischen Herstellers Sisu hinsichtlich Breite und Schnittstellen geprüft. Trotz guter technischer Eignung der robusten Konstruktion kam es zu keiner Serienfertigung.
Mercedes-Benz und die Übergangsphase (1989–1990)
In der späten Phase der DDR sowie während der Wendezeit kam es zu direkten Prototypenentwicklungen mit der damaligen Daimler-Benz AG:
- Projekt IFA 1318 / IFA 1320: Im Frühjahr 1990 wurde im Musterbau des Automobilwerkes Ludwigsfelde die Kabine der Mercedes-Benz Leichten Klasse (LN2) auf das Fahrgestell des IFA L60 montiert.
- Zielsetzung: Ziel dieses Versuchs war es, den L60 mit modernster Ergonomie und westlicher Optik marktfähig zu machen. Das Prototypenfahrzeug wies den Reihensechszylindermotor des L60 in Verbindung mit der Daimler-LN2-Kabine auf. Kurz darauf kam es zur Übernahme des Standorts und zum Bau des Mercedes-Benz LN2 direkt in Ludwigsfelde.
Komponenten-Austausch und Drittland-Anpassungen
Neben den Kernkomponenten Motoren und Kabinen gab es Austauschbeziehungen bezüglich Baugruppen und Spezialaufbauten:
- Ikarus (Ungarn): Im Rahmen der RGW-Arbeitsteilung nutzte der ungarische Bushersteller Ikarus im Modell Ikarus 211 wesentliche Baugruppen wie Motor, Getriebe und Achsen des IFA W50.
- Fahrzeuganpassungen für Exportmärkte: Für Großabnehmer im Ausland (beispielsweise die irakische Armee oder chinesische Abnehmer) wurden spezifische technische Anpassungen durchgeführt (wie geänderte Fahrwerkshöhen, Reifendruckregelanlagen oder modifizierte Frontscheiben- und Dachkonstruktionen), um den Vorgaben internationaler Märkte zu entsprechen.