Dieser Leitfaden beschreibt das fachgerechte Wechseln und Einstellen der Radlagerungen an den verschiedenen Achstypen des Nutzkraftwagens IFA L60. Aufgrund der konstruktiven Unterschiede zwischen der Planetengetriebe-Hinterachse, der angetriebenen Allrad-Vorderachse (VA-A) und der nicht angetriebenen Straßen-Vorderachse (VA-N) sind jeweils spezifische Arbeitsschritte und Einstellwerte einzuhalten.
1. Allgemeine Sicherheits- und Vorbereitungsmaßnahmen
- Fahrzeugsicherung: Das Fahrzeug ist gegen Wegrollen durch Unterlegkeile zu sichern. Die entsprechende Achse wird mit geeigneten Hebezeugen (hydraulische Wagenheber) angehoben und standsicher auf schweren Werkstattbocken abgelastet.
- Sauberkeit: Arbeiten an Radlagern erfordern absolute Sauberkeit. Eindringender Schmutz führt unweigerlich zu vorzeitigem Verschleiß oder Lagerschäden (Pitting).
- Verschleißteile: Wellendichtringe (Simmerringe), Sicherungsbleche und O-Ringe sind bei jedem Wechsel der Radlager zwingend durch Neuteile zu ersetzen.
- Schmierstoffe: Es ist hochwertiges Wälzlagerfett gemäß den Herstellervorgaben (in der Regel lithiumverseiftes Mehrzweckfett der NLGI-Klasse 2) zu verwenden.
2. Radlagerwechsel an der Hinterachse (Planetenachse)
Die Hinterachse des L60 ist als Außenplanetenachse ausgeführt. Das Radlager sitzt auf dem Achsträgerrohr und trägt die Radnabe, in der auch der Planetengetriebeträger integriert ist.
Demontage
- Öl ablassen: Das Getriebeöl aus dem Radnabengehäuse (Außenplanetengetriebe) über die entsprechende Ablassschraube vollständig in ein Auffanggefäß ableiten.
- Demontage des Planetengetriebedeckels: Die Befestigungsschrauben des äußeren Deckels lösen und den Deckel mitsamt dem Planetenradträger abziehen.
- Lagerarretierung lösen: Das Sicherungsblech aufbiegen. Die äußere Nutmutter mit dem passenden Zapfenschlüssel (Spezialwerkzeug) demontieren. Sicherungsblech und die darunterliegende Einstell-Nutmutter entfernen.
- Radnabe abziehen: Die komplette Radnabe inklusive Bremstrommel vorsichtig axial vom Achsträgerhals abziehen. Bei festsitzenden Lagern ist ein geeigneter Abzieher anzusetzen.
- Lagerausbau: Die inneren und äußeren Lagerringe (Kegenrollenlager) aus der Radnabe sowie vom Achsträger demontieren. Die alten Wellendichtringe ausbauen.
Montage und Einbau
- Reinigung und Prüfung: Nabengehäuse und Achsschenkel gründlich reinigen. Lagersitze auf Einlaufspuren oder Beschädigungen prüfen.
- Lagerringe einpressen: Die neuen Außenringe der Kegenrollenlager parallel und bis zum Anschlag in die Radnabe einpressen (Verwendung von passenden Eintreibstücken, um Verkanten zu vermeiden).
- Dichtungen montieren: Den neuen Wellendichtring zur Fahrzeugmitte hin fetten und gleichmäßig einschlagen.
- Nabe aufsetzen: Den inneren Lagerinnenring einlegen, die Radnabe vorsichtig auf das Achsrohr schieben, ohne die Dichtlippe des Wellendichtrings zu beschädigen. Anschließend den äußeren Lagerinnenring aufschieben.
Einstellung des Radlagers (Hinterachse)
Die Einstellung erfolgt über die Nutmuttern spielfrei, jedoch ohne unzulässig hohe Vorspannung:
- Die innere Einstell-Nutmutter mit dem Zapfenschlüssel festziehen, während die Radnabe kontinuierlich gedreht wird, damit sich die Kegelrollen im Lagerbett korrekt ausrichten.
- Die Mutter so weit anziehen, bis ein leichter Drehwiderstand der Nabe spürbar ist.
- Die Nutmutter anschließend um ca. $15^\circ$ bis $30^\circ$ (entspricht etwa 1/24 bis 1/12 Umdrehung) zurückdrehen, bis die Radnabe frei und ohne spürbares Axialspiel rotiert.
- Ein neues Sicherungsblech aufschieben.
- Die äußere Kontermutter aufschrauben und mit dem vorgeschriebenen Drehmoment fest anziehen.
- Das Radlager nochmals auf Spielfreiheit und leichten Lauf prüfen. Das Sicherungsblech in die Nut der inneren und äußeren Mutter umbiegen.
- Planetengetriebe wieder montieren, Dichtflächen mit Dichtmasse/neuer Dichtung versehen und Getriebeöl (Hypoid-Getriebeöl SAE 90) bis zur Kontrollkante auffüllen.
3. Radlagerwechsel an der angetriebenen Vorderachse (Allrad / VA-A)
Die angetriebene Vorderachse verfügt ebenfalls über Außenplanetengetriebe, unterscheidet sich jedoch durch die Lenkgeometrie und den inneren Aufbau (Antriebswelle/Doppelgelenk).
Demontage
- Öl ablassen: Öl aus dem Radnabengehäuse ablaufen lassen.
- Demontage Antrieb und Bremse: Bremstrommel und Radnabe freilegen. Der Planetenradträger wird demontiert. Die Befestigungskomponenten der Radnabe analog zur Hinterachse (Nutmuttern, Sicherungsbleche) entfernen.
- Abziehen der Radnabe: Radnabe von dem Achsschenkelgehäuse abziehen. Achten Sie hierbei besonders auf das innenliegende Gleichlauf- oder Doppelgelenk der Antriebswelle.
Montage und Einstellung
- Die Montage der Lageraußenringe und der Dichtelemente erfolgt analog zur Hinterachse.
- Einstellprozess: * Die Einstellmutter wird angezogen, bis die Lagerung festsitzt (Ausrichtung der Rollen).
- Danach so weit lösen, dass das Axialspiel exakt zwischen 0,02 mm und 0,08 mm liegt. Die Überprüfung sollte idealerweise mittels einer mit einem Magnetständer am Achsschenkel befestigten Messuhr erfolgen.
- Nach dem Festziehen der Kontermutter (Sicherungsmutter) ist das Spiel erneut per Messuhr zu kontrollieren, da sich der Wert durch das Kontern minimal verringern kann.
4. Radlagerwechsel an der nicht angetriebenen Vorderachse (Straßenachse / VA-N)
Die klassische Faustachse (VA-N) ist konstruktiv einfacher aufgebaut, da kein Planetengetriebe und keine Antriebswellen vorhanden sind. Die Radnabe läuft direkt auf dem geschmiedeten Achsschenkel.
Demontage
- Fettkappe entfernen: Die schützende Radnabenkappe (Fettkappe) abschlagen oder abschrauben.
- Sicherung lösen: Splint oder Sicherungsblech der Kronenmutter bzw. der Klemmschraube (je nach Ausführungsvariante) entfernen.
- Achsmutter demontieren: Die zentrale Achsmutter abschrauben.
- Radnabe abziehen: Die Radnabe axial vom Achsschenkel abziehen. Das äußere, kleinere Kegenrollenlager fällt dabei meist lose heraus.
- Dichtung und Innenlager: Den rückseitigen Wellendichtring aushebeln und das innere, größere Kegenrollenlager entnehmen.
Montage und Einbau
- Die alten Lagerschalen (Außenringe) mittels Austreiber aus der Radnabe entfernen.
- Neue Außenringe sauber bis auf den Grund des Lagersitzes eintreiben.
- Den Hohlraum der Radnabe sowie die neuen Lagerinnenringe großzügig mit Wälzlagerfett befüllen. Achtung: Nicht den gesamten Nabenhohlraum übermäßig vollpressen, da sich das Fett bei Erwärmung ausdehnt (Gefahr des Austretens auf die Bremsbeläge).
- Das innere Lager einlegen und den neuen Wellendichtring bündig einschlagen.
- Die Radnabe vorsichtig auf den Achsschenkel schieben, das äußere Lager aufsetzen.
Einstellung des Radlagers (VA-N)
Die Einstellung an der Nicht-Allrad-Vorderachse erfolgt feinfühlig über die Achsmutter:
- Die Achsmutter unter ständigem Drehen der Radnabe fest anziehen, bis die Drehung der Nabe leicht gehemmt wird.
- Die Mutter schrittweise (ca. 1 bis 2 Splintlöcher bzw. ca. 30°) zurückdrehen.
- Prüfkriterium: Die Radnabe muss sich leicht und ohne Ruckeln drehen lassen. Es darf kein spürbares radiales Spiel vorhanden sein. Ein minimales, kaum wahrnehmbares axiales Spiel (Kippspiel am Felgenrand fühlbar, ca. 0,05 mm) ist korrekt, um die thermische Ausdehnung im Fahrbetrieb auszugleichen.
- Die Mutter mit dem neuen Splint oder Sicherungsblech fixieren. Fettkappe zu ca. einem Drittel mit frischem Fett füllen und aufschlagen.
5. Wichtige Beachtungspunkte und Fehlermöglichkeiten
Kritische Hinweise für die Praxis
- Paarweiser Austausch: Kegenrollenlager bestehen aus Außenring und Innenring mit Rollenkranz. Diese Teile sind aufeinander eingeschliffen und dürfen niemals mit Altteilen oder Komponenten anderer Hersteller gemischt werden. Austausch immer nur als kompletter Satz.
- Drehmoment und Konterung: Ein zu fest angezogenes Radlager führt innerhalb weniger Kilometer zur Überhitzung, zum Abreißen des Schmierfilms und im schlimmsten Fall zum Blockieren des Rades oder zum Achsstumpfbruch. Ein zu loses Lager beschädigt die Bremsmechanik und führt zu ungleichmäßigem Reifenverschleiß sowie instabilem Fahrverhalten.
- Sauberkeit der Dichtflächen: Beim IFA L60 mit Außenplanetenachsen ist die Abdichtung des Planetengetriebes zur Bremstrommel hin penibel zu prüfen. Undichte Wellendichtringe führen dazu, dass Getriebeöl auf die Bremsbeläge gelangt, was zum totalen Ausfall der Bremswirkung des betroffenen Rades führt.
- Probefahrt: Nach jeder Montage ist eine Probefahrt durchzuführen. Anschließend ist die Temperatur der Radnaben zu prüfen (Handrückenprobe). Eine übermäßige Erwärmung deutet auf eine zu stramme Einstellung oder mangelnde Schmierung hin.