Technische Anleitung: Wechsel und Einstellung des Hauptbremszylinders beim IFA W50

  • Der IFA W50 verfügt über eine hydraulisch-pneumatische Bremsanlage ein Zweikreis-Bremssystem. Der Hauptbremszylinder (HBZ) wandelt die mechanische Fußkraft bzw. den unterstützenden Druck des Bremskraftverstärkers (Vorspannzylinder) in hydraulischen Druck um. Ein Defekt oder Verschleiß am HBZ gefährdet die Betriebssicherheit des Fahrzeugs unmittelbar.

    Nachfolgend wird das fachgerechte Vorgehen beim Austausch und der anschließenden Einstellung des Hauptbremszylinders detailliert beschrieben.

    1. Wichtige Sicherheitshinweise und Vorbereitungen

    • Sauberkeit: Das hydraulische Bremssystem ist extrem empfindlich gegenüber Schmutz. Bereits kleinste Fremdkörper können die Manschetten im Zylinder beschädigen oder Bohrungen verstopfen.
    • Bremsflüssigkeit: Bremsflüssigkeit (i.d.R. DOT 4, sofern das System nicht explizit auf Silikonflüssigkeit DOT 5 umgestellt wurde) ist hochgradig korrosiv. Lackschäden und Hautkontakt sind zu vermeiden. Auslaufende Flüssigkeit muss sofort aufgefangen werden.
    • Unfallverhütung: Das Fahrzeug ist gegen Wegrollen zu sichern (Unterlegkeile, Feststellbremse). Da Arbeiten an der Bremsanlage sicherheitsrelevant sind, sollten diese nur mit entsprechenden Fachkenntnissen durchgeführt werden.

    2. Demontage des alten Hauptbremszylinders

    1. Flüssigkeit absaugen: Vor Beginn der mechanischen Arbeiten ist die Bremsflüssigkeit aus dem Ausgleichsbehälter mittels einer Absaugpumpe weitgehend zu entfernen.
    2. Leitungen trennen: Die hydraulischen Bremsleitungen am Hauptbremszylinder vorsichtig mit einem passenden Leitungsschlüssel (vorzugsweise SW 11 oder SW 14, je nach Ausführung) lösen. Um ein Nachlaufen von Restflüssigkeit zu verhindern, sollten die offenen Leitungen mit sauberen Stopfen verschlossen werden.
    3. Mechanische Verbindungen lösen: Die Befestigungsschrauben des HBZ am Halter bzw. am Vorspannzylinder (Druckluftunterstützung) lösen. Zudem ist der Bolzen der Druckstange (Gabelkopf), die vom Bremspedal bzw. Übertragungsgestänge kommt, zu entfernen.
    4. Entnahme: Den alten Hauptbremszylinder vorsichtig aus der Halterung entnehmen. Dabei auf eventuell vorhandene Ausgleichsscheiben oder Dichtringe achten.

    3. Montage des neuen Hauptbremszylinders

    1. Sichtprüfung: Den neuen Hauptbremszylinder auf Transportschäden, Freiheit von Konservierungswachs in den Anschlüssen und Gängigkeit des Kolbens prüfen.
    2. Positionierung: Den Zylinder in umgekehrter Reihenfolge der Demontage ansetzen. Die Befestigungsschrauben sind gleichmäßig über Kreuz mit dem vorgeschriebenen Drehmoment anzuziehen.
    3. Leitungsanschluss: Die Bremsleitungen von Hand ansetzen, um ein Verkanten der Gewinde zu verhindern. Anschließend mit dem Leitungsschlüssel festziehen. Auf absolute Dichtheit der Konusverbindungen achten.
    4. Befüllung: Den Ausgleichsbehälter mit neuer, spezifizierter Bremsflüssigkeit bis zur "Max"-Markierung befüllen.

    4. Entlüftung der Bremsanlage

    Ein Wechsel des HBZ macht eine vollständige Entlüftung des hydraulischen Systems zwingend erforderlich.

    1. Reihenfolge: Begonnen wird am Radbremszylinder, der die längste Leitungsleitung zum HBZ aufweist (in der Regel hinten rechts), gefolgt von hinten links, vorne rechts und vorne links. Bei Allradfahrzeugen (W50 LA) sind zudem die Entlüftungsventile am Vorspannzylinder/Druckumsetzer zu beachten.
    2. Durchführung (Klassisch):
      • Entlüftungsschlauch auf das Ventil stecken und in ein transparentes Gefäß mit etwas Bremsflüssigkeit tauchen.
      • Bremspedal pumpen lassen, bis Druck ansteht, und gedrückt halten.
      • Entlüftungsschraube kurz öffnen, bis die Flüssigkeit nachlässt, dann schließen.
      • Vorgang so oft wiederholen, bis die austretende Flüssigkeit völlig blasenfrei ist.
      • Alternativ: Nutzung eines automatischen Bremsenentlüftungsgerätes (Überdruckmethode über den Ausgleichsbehälter).
    3. Flüssigkeitsstand überwachen: Während des gesamten Entlüftungsvorgangs muss der Pegel im Ausgleichsbehälter kontrolliert werden, damit keine neue Luft in das System gezogen wird.

    5. Einstellung des Hauptbremszylinders (Kolbenspiel/Pedalspiel)

    Die korrekte Einstellung der Druckstange zum Hauptbremszylinder ist entscheidend für die Funktion und Sicherheit der Bremse.

    Das mechanische Spiel (Schnüffelspiel)

    Der Kolben im Hauptbremszylinder muss im unbetätigten Zustand (Bremspedal in Ruhestellung) komplett in seine Ausgangslage zurückkehren können. Nur so wird die sogenannte Schnüppelbohrung (Ausgleichsbohrung) im Zylinder freigegeben. Ist dies nicht der Fall, kann die Bremsflüssigkeit bei Erwärmung und Ausdehnung nicht in den Ausgleichsbehälter zurückfließen. Die Folge ist ein schleichendes, selbstständiges Festbremsen des Fahrzeugs während der Fahrt bis hin zum Blockieren der Räder und zur Überhitzung der Bremsen.

    Vorgehensweise zur Einstellung:

    1. Druckstange justieren: Das Spiel wird über die Gewindestange und den Gabelkopf eingestellt, welcher die Verbindung zum Bremspedal bzw. Vorspannzylinder herstellt.
    2. Leerweg einstellen: Die Kontermutter am Gabelkopf lösen. Die Druckstange so verdrehen, dass zwischen der Druckstange und dem Kolben im HBZ ein spürbares Spiel von ca. 1,0 bis 1,5 mm vorhanden ist.
    3. Pedalweg prüfen: Am Bremspedal selbst resultiert dies in einem spürbaren Leerweg (freies Spiel vor dem spürbaren Druckaufbau) von etwa 10 bis 15 mm.
    4. Arretierung: Nach erfolgreicher Einstellung ist die Kontermutter am Gabelkopf wieder fest anzuziehen, um ein selbsttätiges Verstellen während des Fahrbetriebs auszuschließen.

    6. Funktionskontrolle und Inbetriebnahme

    Vor der ersten Fahrt ist eine stationäre und anschließende dynamische Funktionskontrolle unumgänglich:

    • Druckpunktprüfung: Das Bremspedal muss nach dem Leerweg einen festen, klar definierten Druckpunkt aufweisen. Es darf sich auch bei anhaltendem, starkem Druck nicht langsam bis zum Bodenblech durchtreten lassen (Indiz für Leckage oder defekte Manschette).
    • Dichtheitsprüfung: Alle gelösten Rohr- und Schlauchverbindungen sowie der HBZ selbst sind visuell auf absolute Trockenheit zu prüfen, während eine zweite Person das Bremssystem unter Druck setzt.
    • Freigängigkeit: Das Fahrzeug auf ebener Fläche von Hand anrollen oder kurz anfahren, um sicherzustellen, dass die Bremsen nach dem Loslassen des Pedals vollständig lösen und nicht hängen bleiben.
    • Probefahrt: Erste Bremsungen bei geringer Geschwindigkeit auf verkehrsfreiem Gelände durchführen. Auf gleichmäßige Bremswirkung und thermische Auffälligkeiten an den Radnaben nach der Fahrt achten.