Der IFA Lkw L60 (Ludwigsfelde 60) verfügt über eine trocken laufende Einscheiben-Trockenkupplung mit Tellerfeder, die für die Übertragung des Drehmoments des 6-Zylinder-Dieselmotors (VD 14,5/12-1 SRW) auf das Getriebe ausgelegt ist. Ein Austausch der Kupplungskomponenten (Kupplungsscheibe, Kupplungsautomat, Ausrücklager) sowie der Kupplungswelle erfordert aufgrund der massiven Bauweise und des Gewichts der Bauteile handwerkliche Präzision, entsprechendes Hebezeug und die strikte Einhaltung von Einstellwerten.
1. Erforderliche Vorbereitungsmaßnahmen und Arbeitssicherheit
- Fahrzeugsicherung: Das Fahrzeug ist gegen Wegrollen durch Unterlegkeile zu sichern. Die Batterie ist im Batteriekasten abzuklemmen (Hauptschalter trennen).
- Demontage von Anbauteilen: Je nach Fahrzeugausführung (Pritsche, Werkstattkoffer oder Kipper) muss der Zugang zum Getriebetunnel gewährleistet sein. Bei kippbaren Fahrerhäusern ist dieses in die Endstellung zu bringen und mechanisch zu sichern.
- Flüssigkeiten: Ein Ablassen des Getriebeöls ist für den reinen Kupplungswechsel am Schwungrad nicht zwingend erforderlich, erleichtert jedoch das Handling und ist beim Wechsel der Kupplungswelle (Eingangswelle) oder deren Dichtringe notwendig.
2. Demontage des Getriebes und Freilegen der Kupplung
- Kardanwelle trennen: Die Verbindungswelle zwischen Motor/Kupplungsgehäuse und Getriebe bzw. Verteilergetriebe ist flanschseitig zu lösen, abzunehmen und sicher abzulegen.
- Peripherie lösen: Mechanische Gestänge, hydraulische Leitungen des Kupplungsnehmersylinders sowie elektrische Anschlüsse (z. B. Rückfahrscheinwerferschalter) am Gehäuse demontieren.
- Getriebe abstützen: Das Getriebegewicht muss über einen geeigneten Getriebeheber oder einen Werkstattkran abgefangen werden.
- Gehäuseschrauben entfernen: Die Verbindungsschrauben zwischen dem Kupplungsgehäuse und dem Motorblock (Schwungradgehäuse) werden über Kreuz gelöst.
- Abziehen des Getriebes: Das Getriebe wird absolut axial nach hinten aus der Kupplungsscheibenverzahnung herausgezogen. Achtung: Verkanten beschädigt die Kupplungsscheibe und die Zentrierung.
3. Austausch der Komponenten
A. Kupplungsautomat und Kupplungscheibe
- Demontage: Die Befestigungsschrauben des Kupplungsautomaten (Druckplatte) sind schrittweise und über Kreuz jeweils nur um wenige Umdrehungen zu lösen, um Verzug der Tellerfeder und Beschädigungen an den Gewinden zu vermeiden. Nach dem Lösen werden der Automat und die freigewordene Kupplungsscheibe entnommen.
- Prüfung Schwungrad: Das Schwungrad ist gründlich auf Rissbildung (Hitzerisse), bläuliche Verfärbungen und Einlaufspuren zu untersuchen. Bei starkem Verschleiß muss das Schwungrad nachgedreht oder ersetzt werden. Der Zustand des Pilotlagers in der Kurbelwelle ist zu prüfen (ggf. tauschen und mit Heißlagerfett schmieren).
- Montage: Die neue Kupplungsscheibe wird mit der korrekten Einbaurichtung (meist markiert mit „Getriebeseite“ / „Engine Side“) mithilfe eines passenden Kupplungszentrierdorns auf dem Schwungrad positioniert. Der neue Kupplungsautomat wird aufgesetzt und die Schrauben werden über Kreuz stufenweise mit dem vorgeschriebenen Drehmoment festgezogen.
B. Drucklager (Ausrücklager)
- Das Ausrücklager befindet sich auf der Führungshülse im Kupplungsgehäuse.
- Das alte Lager wird von der Ausrückgabel demontiert. Die Führungshülse ist gründlich zu reinigen und auf Verschleiß (Riefenbildung) zu prüfen.
- Das neue Ausrücklager wird leicht eingefettet (hitzebeständiges Feststoffschmierstoff-Fett) auf die Hülse aufgesetzt und ordnungsgemäß mit der Ausrückgabel arretiert. Die Leichtgängigkeit muss von Hand geprüft werden.
C. Kupplungswelle (Getriebeeingangswelle)
- Sollte ein Austausch der Kupplungswelle (z. B. wegen beschädigter Verzahnung oder Lagerschaden) notwendig sein, muss das vordere Getriebegehäuse geöffnet werden.
- Sicherungsringe und Lagerdeckel entfernen. Die Welle wird axial nach vorne herausgezogen, wobei auf die dahinterliegenden Distanzscheiben und Nadellager zu achten ist.
- Beim Einsetzen der neuen Welle sind die Radialwellendichtringe (Simmerringe) am Getriebeabschluss zwingend zu erneuern, um einen späteren Öleintritt in den Kupplungsraum (führt zu rutschender Kupplung) zu verhindern.
4. Montage des Getriebes
Die Montage erfolgt in umgekehrter Reihenfolge der Demontage:
- Das Getriebe wird exakt waagerecht an den Motor herangeführt. Die Verzahnung der Kupplungswelle muss spielfrei in die Verzahnung der zentrierten Kupplungsscheibe gleiten.
- Wichtig: Das Getriebe darf niemals mit Gewalt über die Gehäuseschrauben herangezogen werden. Rutscht es nicht freiwillig auf den letzten Zentimetern an den Motorblock, ist die Zentrierung der Kupplungsscheibe ungenau.
5. Einstellen der Kupplung (Mechanik und Hydraulik)
Der IFA L60 besitzt eine hydraulisch unterstützte Kupplungsbetätigung mit mechanischer Übertragung am Gehäuse. Für eine einwandfreie Funktion (vollständiges Trennen und sicherer Kraftschluss) ist die Einstellung des Spiels essenziell.
Einstellmaße und Vorgehensweise:
- Ausrücklagerspiel (Freiweg): Zwischen dem Ausrücklager und den Anlaufringen der Tellerfeder des Kupplungsautomaten muss im unbetätigten Zustand ein definiertes Spiel von 3 bis 4 mm vorhanden sein. Dies verhindert, dass das Lager permanent mitläuft und vorzeitig verschleißt.
- Einstellung: Das Spiel wird über das Verstellen der Gewindestange (Gabelstück) am Kupplungsgestänge außerhalb des Gehäuses einreguliert.
- Kupplungspedalspiel: Das Spiel am Kupplungspedal im Fahrerhaus (Pedalleerweg bis zum spürbaren Druckaufbau des Hauptzylinders) soll ca. 15 bis 25 mm betragen.
- Entlüftung der Hydraulik: Wurde das hydraulische System geöffnet, muss dieses über den Entlüfternippel am Nehmerzylinder analog zur Bremsanlage entlüftet werden, bis die Bremsflüssigkeit blasenfrei austritt.
6. Wichtige Beachtungspunkte und Fehlerquellen
- Fettfreiheit: Die Reibflächen des Schwungrads sowie der neuen Druckplatte müssen vor dem Einbau absolut gründlich mit Bremsenreiniger entfettet werden. Bereits geringe Spuren von Hautfett oder Lagerfett führen zum Rutschen oder Rupfen der Kupplung.
- Zentrierung: Ohne exakte Zentrierung der Kupplungsscheibe lässt sich das Getriebe nicht montieren. Ein Verkanten beim Einbau verbiegt die Reibscheibe, was zu permanentem Schleifen führt.
- Wellendichtringe: Ein unentdeckter Ölaustritt aus dem Kurbelwellensimmerring (motorseitig) oder dem Getriebeeingangsring zerstört eine neue Kupplung innerhalb kürzester Zeit. Diese Dichtungen sollten bei jedem Kupplungswechsel präventiv getauscht werden.
- Drehmomente: Alle Schraubverbindungen, insbesondere am Kupplungsautomaten und Schwungrad, sind zwingend mit dem Drehmomentschlüssel nach Werksvorgabe anzuziehen.