Der IFA W50 als Fluchtfahrzeug: Historische Hintergründe und bekannte Grenzdurchbrüche

  • Einer der waghalsigsten und zugleich erfolgreichsten Fluchtversuche aus der DDR ereignete sich am 10. März 1988 an der streng abgeschotteten Glienicker Brücke zwischen Potsdam und West-Berlin (Zehlendorf). Drei junge Männer – Gotthard Ihden, Bernd Puhlmann und Werner Jäger – nutzten dafür einen mittelschweren IFA LKW W50 eines Potsdamer Fuhrbetriebs.


    Der Plan und die Vorbereitung

    Der W50 wurde gezielt für den Durchbruch präpariert. Um bei den Kontrollposten keinen sofortigen Verdacht zu erregen, wurde der Lastkraftwagen als vermeintlicher Gefahrguttransporter getarnt und auf der Ladefläche mit 92 leeren Gas- bzw. Kohlensäureflaschen bestückt. Einer der Beteiligten hatte den Entschluss unter anderem gefasst, um zu seiner Frau in den Westen zu gelangen. Die Männer kalkulierten das enorme Risiko bewusst ein; im Nachhinein sprachen sie von einem „Himmelfahrtskommando“, bei dem sie sich kaum Überlebenschancen ausgerechnet hatten.

    Der Ablauf des Durchbruchs

    • Das Rammmanöver: Der W50 raste mit hoher Geschwindigkeit direkt auf die Grenzanlagensperren zu. Das Fahrzeug durchbrach nacheinander das schwere Passagentor, den metallenen Sperrschwenkbaum sowie das massive Gittertor der Übergangsstelle.
    • Die Schäden am Fahrzeug: Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Motorraum des Lkw komplett aufgerissen, die Vorderachse stark demoliert und die Reifen auf der Vorder- sowie Hinterachse komplett zerdrückt oder zum Platzen gebracht.
    • Das Ende der Fahrt im Westen: Trotz des schwer beschädigten und fahrunfähigen Zustands des Lkw schafften es die Flüchtenden, die Brücke zu passieren und auf west Berliner Gebiet (Zehlendorf) zum Stehen zu kommen.
    • Kein Schusswaffengebrauch: Entgegen den strikten Schießbefehlen der DDR-Grenztruppen löste die Aktion eine Schockstarre bei den Posten aus; es fielen im entscheidenden Moment überraschenderweise keine Schüsse.

    Historische Einordnung und Spuren

    Der Vorfall sorgte international für großes Aufsehen in den westlichen Medien und galt als Blamage für die DDR-Grenzsicherung, da ausgerechnet an der prominenten „Agentenbrücke“ ein schwerer Lkw alle Sperren durchbrechen konnte. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) dokumentierte den Vorfall in internen Akten (unter anderem in der Information Nr. 133/88 der Hauptverwaltung Aufklärung bzw. ZAIG) detailliert als gewaltsamen Grenzdurchbruch mit einem „NKW, Typ W 50“.

    Das polizeiliche Beweisfoto des sichergestellten, völlig demolierten W50 (mit eingedrückter Front, freiliegendem Motor und platten Reifen auf Felgen) ist bis heute eines der bekanntesten Bilddokumente für die kompromisslose Verzweiflung, mit der Menschen versuchten, die innerdeutsche Grenze zu überwinden173322-3x2-article1200.jpg?D7F51