Das Fahren im unbefestigten Gelände stellt besondere Anforderungen an die Fahrtechnik und den korrekten Einsatz der Antriebskomponenten. Um die Traktion zu maximieren und mechanische Schäden am Antriebsstrang zu vermeiden, ist eine systematische und situationsangepasste Reihenfolge bei der Zuschaltung von Allradantrieb, Geländeruntersetzung und Differentialsperren zwingend erforderlich.
1. Allradantrieb (4WD / AWD)
Der Allradantrieb verteilt die Motorleistung auf alle vier Räder und erhöht die Traktion auf losem Untergrund wie Schotter, Sand, Schlamm oder Schnee im Vergleich zum reinen Heck- oder Frontantrieb deutlich.
- Einsatzzeitpunkt: Der Allradantrieb sollte vor der Einfahrt in schwieriges Gelände zugeschaltet werden, solange noch Traktion vorhanden ist. Bei vielen modernen Fahrzeugen ist dies während der Fahrt bis zu einer bestimmten Höchstgeschwindigkeit möglich; bei älteren Systemen mit starrem Zuschaltallrad muss dies im Stand oder bei langsamer Fahrt erfolgen.
- Anwendungsbereich: Auf losem Untergrund, steilen Steigungen oder bei nassen, rutschigen Fahrbahnbedingungen. Auf griffigem Untergrund (z. B. trockener Asphalt) darf der Allradantrieb bei Fahrzeugen mit starrem Durchtrieb ohne Längsdifferenzial nicht genutzt werden, da es sonst zu Spannungen im Antriebsstrang (Verspannungen) kommt.
2. Geländeruntersetzung (Low Range)
Die Untersetzung ist ein zusätzliches Übersetzungsverhältnis im Verteilergetriebe, das die Eingangsdrehzahl reduziert und das Drehmoment an den Rädern vervielfacht.
- Einsatzzeitpunkt: Die Untersetzung wird ebenfalls im Stand oder bei Schrittgeschwindigkeit und meist bei eingelegtem Leerlauf geschaltet. Je nach Getriebeart ist hierbei oft das Betätigen der Kupplung oder das Halten der Bremse erforderlich.
- Anwendungsbereich: Bei extremen Steigungen, Langsamfahrten im unwegsamen Gelände, beim Passieren von Hindernissen, im tiefen Sand oder beim kontrollierten Befahren von steilen Gefällen (Motorbremswirkung). Sie schont die Kupplung und ermöglicht eine sehr feinfühlige Dosierung des Gaspedals.
3. Differentialsperren
Ein Differenzial gleicht Drehzahlunterschiede zwischen den Rädern aus (z. B. bei Kurvenfahrt). Im Gelände führt dies jedoch dazu, dass bei Traktionsverlust eines einzelnen Rads die gesamte Kraft über dieses Rad verpufft, während das Rad mit Bodenhaftung stillsteht. Differentialsperren heben diese Ausgleichswirkung ganz oder teilweise auf.
Wenn ein Fahrzeug über mehrere Sperren (Längssperre im Verteilergetriebe sowie Quer-/Achssperren an Vorder- und Hinterachse) verfügt, muss beim Zuschalten eine strikte Reihenfolge eingehalten werden, um die Lenkbarkeit des Fahrzeugs zu wahren und Bauteile vor Überlastung zu schützen:
- Längssperre (Zentraldifferenzial):
- Funktion: Sperrt den Ausgleich zwischen Vorder- und Hinterachse.
- Nutzung: Als erster Schritt bei nachlassender Traktion, oft automatisch mit dem Einlegen des Allrads oder der Untersetzung gekoppelt.
- Hinsichtlich der Achssperren (Quersperren):
- Zuerst die Hinterachssperre: Die Sperre an der Hinterachse wird als nächstes zugeschaltet. Sie sorgt für Vortrieb, während das Fahrzeug über die lenkbare Vorderachse weiterhin gut steuerbar bleibt.
- Als Letztes die Vorderachssperre: Die Sperre an der Vorderachse wird erst bei maximalem Bedarf in extremen Situationen (z. B. tiefer Schlamm, stark Verschränkungs-Passagen) zugeschaltet.
- Hinweis zur Vorderachssperre: Bei gesperrter Vorderachse reduziert sich die Lenkfähigkeit drastisch, da das Fahrzeug dem Weg des geringsten Widerstands geradeaus folgen möchte. Die Lenkung sollte in diesem Zustand möglichst nur bei rollendem Fahrzeug und ohne extreme Lenkeinschläge betätigt werden, um Lenkgestänge und Achskomponenten nicht zu beschädigen.
Zusammenfassung und Grundregeln
- Prävention vor Reaktion: Alle Systeme (Allrad, Untersetzung, Sperren) werden vor dem Hindernis oder der kritischen Passage aktiviert, nicht erst, wenn das Fahrzeug bereits feststeckt.
- Reihenfolge: Allrad - Untersetzung - Längssperre - Hinterachssperre - Vorderachssperre.
- Rücknahme: Nach Verlassen des schwierigen Geländes und Erreichen von griffigem Untergrund sind alle Sperren und Untersetzungen sofort wieder zu deaktivieren, um Verspannungen im Antriebsstrang und erhöhten Verschleiß zu verhindern.