Diese technische Dokumentation beschreibt das fundierte und systematische Vorgehen beim Wechsel sowie der anschließenden Einstellung der Vorder- und Hinterachsen beim Nutzkraftwagen IFA L60. Der Fokus liegt hierbei auf den konstruktiven Unterschieden zwischen der angetriebenen (Allradantrieb - 4x4) und der antriebslosen Vorderachse (Hinterachsantrieb - 4x2) sowie den kritischen Einstellwerten.
1. Konstruktive Unterschiede der Achstypen
Beim IFA L60 kommen je nach Antriebskonzept unterschiedliche Achskonstruktionen zum Einsatz, die beim Austausch grundlegend andere Arbeitsschritte erfordern:
Vorderachse (VA)
- Angetriebene Vorderachse (4x4): Hierbei handelt es sich um eine lenkbare Starrachse mit integriertem Gewichts- und Achsgetriebe (Differential) sowie äußeren Planetengetrieben (Radnabengetriebe) zur Drehmomentüberhöhung. Die Kraftübertragung erfolgt über Doppelgelenkwellen (Anfahr- und Lenkknickwinkel).
- Antriebslose Vorderachse (4x2): Eine geschmiedete Faustachse (Starrachse) ohne Differential und Antriebswellen. Die Radlagerung sitzt direkt auf den Achsschenkeln. Der Aufbau ist mechanisch simpler, erfordert jedoch identische Sorgfalt bei der Lenkgeometrie.
Hinterachse (HA)
- Die Hinterachse ist bei allen Modellen als angetriebene Starrachse mit Außenplanetengetrieben ausgeführt. Sie verfügt über ein sperrbares Differential (100 % Wirkung), das elektro-pneumatisch geschaltet wird.
2. Sicherheits- und Vorbereitungsmaßnahmen
- Fahrzeugsicherung: Das Fahrzeug ist gegen Wegrollen zu sichern (Unterlegkeile an der nicht anzuhebenden Achse).
- Lastaufnahme: Das Anheben des Fahrzeugs darf nur an den dafür vorgesehenen Rahmenpunkten und mit schweren Hebezeugen (mindestens 10 t Tragfähigkeit) erfolgen. Eine Absicherung über stabile Unterstellböcke ist zwingend erforderlich.
- Flüssigkeiten: Bei angetriebenen Achsen ist vor dem Ausbau das Getriebeöl aus dem Achsmittelgehäuse (Differential) sowie aus den beiden Radnabengetrieben vollständig abzulassen.
3. Vorgehensweise beim Wechsel der Vorderachse
3.1 Demontage (allgemein)
- Fahrzeug anheben, sichern und Räder demontieren.
- Bremsleitungen und gegebenenfalls Leitungen der Reifendruckregelanlage (sofern vorhanden) trennen und verschließen, um Verschmutzungen zu vermeiden.
- Lösen des Gestänges der Betriebsbremse (Bremszylinder/Bremsseile).
- Demontage der Lenkschubstange und der Spurstange vom Achsschenkel mittels geeignetem Kugelgelenkabzieher.
3.2 Zusatzschritte bei angetriebener Vorderachse (4x4)
- Flanschverbindung trennen: Die Verbindung der Kardanwelle (Vorderachswelle) zum Achsgetriebeflansch lösen. Die Kardanwelle hochbinden, um das Gelenk nicht zu überlasten.
- Sperrenbetätigung: Pneumatische Anschlüsse für die Achsdifferentialsperre kennzeichnen und demontieren.
3.3 Lösen der Achsaufhängung und Entnahme
- Die Muttern der Federbügel (U-Bolzen) schrittweise und über Kreuz lösen.
- Achsfangbänder (falls vorhanden) demontieren.
- Die Achse mit einem fahrbaren Hubwagen oder Achsheber unterfangen, die Federbügel entfernen und die Achse vorsichtig nach vorne unter den Blattfedern herausrollen.
3.4 Montage der Austauschachse
Die Montage erfolgt in umgekehrter Reihenfolge. Dabei sind folgende Punkte zwingend zu beachten:
- Die Herzbolzen der Blattfedern müssen exakt in den Zentrierbohrungen der Achsauflage sitzen.
- Drehmoment: Die Muttern der Federbügel sind unbedingt über Kreuz in mehreren Stufen mit dem vorgeschriebenen Drehmoment anzuziehen (Anhaltswert für M24-Feingewinde: ca. 450–500 Nm; Herstellervorgaben beachten). Nach den ersten 50 Kilometern ist dieses Drehmoment zwingend zu kontrollieren.
4. Vorgehensweise beim Wechsel der Hinterachse
- Vorbereitung: Kardanwelle am Hinterachsflansch lösen und sichern. Pneumatikleitungen für die Differentialsperre sowie die Bremsleitung des automatischen lastabhängigen Bremskraftreglers (ALB) trennen.
- Lösen der Befestigung: Die Hinterachse ist im Regelfall über Federbride mit den Trapezfedern (und ggf. Zusatzfedern) verbunden. Auch hier sind die Muttern über Kreuz zu entspannen.
- Austausch: Achse unterfangen, herausrollen und die neue Achse fluchtend positionieren. Auf den korrekten Sitz der Herzbolzen achten.
5. Einstellarbeiten an den Achsen
Nach dem mechanischen Einbau einer Achse müssen zwingend geometrische und mechanische Einstellungen vorgenommen werden, um Reifenverschleiß zu minimieren und die Fahrstabilität zu gewährleisten.
5.1 Einstellung der Vorderachse (Lenkgeometrie)
Spur einstellen (4x4 und 4x2)
Die Spur wird über die Veränderung der Spurstangenlänge (Verdrehen der Spurstange nach Lösen der Klemmschrauben) eingestellt.
- Sollwert: Beim L60 ist in der Regel eine Vorspur von 0 bis 2 mm (bzw. je nach Bereifung leichter Vorlauf) einzustellen. Gemessen wird dies an den Felgenhörnern auf Höhe der Radmitte (vorn und hinten verglichen).
Lenkeinschlag begrenzen
Zur Vermeidung von Schäden an den Doppelgelenkwellen (4x4) oder dem Schleifen der Räder am Rahmen müssen die Anschlagschrauben am Achsschenkel so eingestellt werden, dass der maximale Knickwinkel der Gelenke nicht überschritten wird.
Radlagerung einstellen
- Nutmutter festziehen, bis sich das Rad nur noch schwer drehen lässt (Einsetzen der Lagerkomponenten).
- Nutmutter um ca. $30^\circ$ bis $45^\circ$ lösen, bis das Rad frei dreht, aber kein spürbares radiales Spiel aufweist.
- Sicherungsblech fixieren.
5.2 Einstellung des Zahnflankenspiels (Achsgetriebe HA/VA-4x4)
Wurde das Differentialgehäuse geöffnet oder getauscht, muss das Flankenspiel zwischen Tellerrad und Kegelrad überprüft werden:
- Das Spiel wird mittels Messuhr ermittelt und sollte im Bereich von 0,15 bis 0,25 mm liegen. Die Korrektur erfolgt über die seitlichen Einstellmuttern der Korbringe oder Passscheiben.
- Das Tragbild ist mittels Tuschierpaste zu kontrollieren (mittiges Tragen unter Last).
6. Wichtige Hinweise und Qualitätssicherung
- Schmierstoffe: Nach dem Einbau angetriebener Achsen ist Getriebeöl der Spezifikation API GL-5 (zähflüssiges Hypoid-Getriebeöl, Viskosität z.B. SAE 85W-140 oder SAE 90) einzufüllen. Füllmengen im Achsmittelgehäuse und in den Radnabengetrieben separat beachten und nach Erstbefüllung und kurzer Testfahrt erneut kontrollieren.
- Entlüftung: Die Entlüftungsventile der Achsgehäuse müssen auf Durchgang geprüft werden. Verstopfte Entlüftungen führen durch Überdruck bei Erwärmung zu dauerhaften Undichtigkeiten an den Radialwellendichtringen.
- Bremssystem: Da die Bremsleitungen geöffnet wurden, ist das gesamte Bremssystem nach der Montage fachgerecht zu entlüften. Eine Überprüfung des Tragbildes der Bremsbeläge und der Freigängigkeit der Trommeln ist obligatorisch.