Technischer Leitfaden: Achswechsel und Einstellung beim IFA W50 (Allrad- und Hinterradantrieb)

  • Dieser Leitfaden beschreibt das detaillierte und fachgerechte Vorgehen beim Austausch sowie der anschließenden Einstellung der Vorder- und Hinterachsen beim DDR-Nutzfahrzeug IFA W50. Berücksichtigt werden sowohl die angetriebene Vorderachse (Allradantrieb / LA) als auch die antriebslose Vorderachse (Hinterradantrieb / L).

    1. Wichtige Sicherheits- und Vorbereitungsmaßnahmen

    Der Achswechsel bei einem Nutzfahrzeug der 5-Tonnen-Nutzlastklasse erfordert aufgrund der hohen Bauteilgewichte und der wirkenden Kräfte strikte Sicherheitsvorkehrungen.

    • Sicherung des Fahrzeugs: Das Fahrzeug ist auf einem ebenen, tragfähigen Untergrund gegen Wegrollen zu sichern (Unterlegkeile an der nicht angehobenen Achse).
    • Abstützung: Das Anheben darf nur an den dafür vorgesehenen Rahmenpunkten mit geeigneten hydraulischen Hebezeugen erfolgen. Die Absicherung muss über zertifizierte, schwere Unterstellböcke erfolgen. Niemals ausschließlich auf dem Wagenheber arbeiten.
    • Gewichtskomponenten: Eine W50-Achse (insbesondere die Allrad-Vorderachse) wiegt mehrere hundert Kilogramm. Für den Aus- und Einbau sind fahrbare Achsheber, Hubwagen oder ein Werkstattkran zwingend erforderlich.
    • Verbrauchsmaterialien: Neue Federbrillen (U-Bolzen), selbstsichernde Muttern, Dichtungen, Splinte sowie die vorgeschriebenen Getriebeöle (in der Regel SAE 90 bzw. EP-Öle für Hypoidgetriebe bei bestimmten Achsvarianten) bereitstellen.

    2. Demontage und Montage der Hinterachse

    Die Hinterachse beim W50 ist als Starrachse ausgeführt (entweder mit Standard-Achsgetriebe oder mit zusätzlichem Planetengetriebe in den Radnaben bei späten/speziellen Versionen).

    Vorgehensweise Demontage:

    1. Vorbereitung: Radmuttern anlösen, Fahrzeug heckseitig anheben, Rahmen aufbocken und Räder demontieren.
    2. Peripherie trennen: * Bremsleitungen (hydraulisch-pneumatische Bremsanlage) am Achskörper trennen und verschließen, um Austreten von Bremsflüssigkeit und das Eindringen von Schmutz zu verhindern.
      • Handbremsseile bzw. Gestänge sowie den automatischen blockiergeschützten Bremskraftregler (ALB-Gestänge), falls vorhanden, aushängen.
    3. Antriebswelle: Kardanwelle am Hinterachsgetriebe (Flansch) abschrauben und hochbinden.
    4. Sperrenbetätigung: Leitungen der pneumatischen Differenzialsperre demontieren und kennzeichnen.
    5. Lösung vom Fahrwerk: * Stoßdämpfer unten lösen.
      • Achskörper mit einem Achsheber unterfangen und leicht auf Spannung bringen.
      • Die Muttern der Federbrillen (U-Bolzen) über Kreuz lösen und die Brillen entfernen.
    6. Ausbau: Achse vorsichtig nach hinten unter dem Fahrzeug herausrollen.

    Vorgehensweise Montage:

    • Die Montage erfolgt in umgekehrter Reihenfolge.
    • Wichtig: Die Herzbolzen der Blattfedern müssen exakt in den Zentrierbohrungen der Achsauflagen sitzen.
    • Die Federbrillen sind über Kreuz und gleichmäßig mit dem vorgeschriebenen Drehmoment anzuziehen. Das finale Festziehen der Federbrillen erfolgt erst, wenn das Fahrzeug wieder komplett auf den eigenen Rädern steht (Konstruktionslage), um Verspannungen in den Federbrung-Buchsen zu vermeiden.
    • Bremsanlage komplett entlüften.

    3. Demontage und Montage der Vorderachse

    Beim W50 muss strikt zwischen der antriebslosen Faustachse (4x2, Typ L) und der angetriebenen Allrad-Starrachse (4x4, Typ LA) unterschieden werden.

    Variante A: Antriebslose Vorderachse (Typ L)

    Die antriebslose Achse ist konstruktiv einfacher aufgebaut (klassische Faustachse).

    1. Fahrzeug frontseitig anheben, Rahmen aufbocken, Räder demontieren.
    2. Spurstange und Lenkstange mithilfe eines geeigneten Kugelgelenkabziehers von den Lenkhebeln trennen.
    3. Bremsschläuche lösen und verschließen.
    4. Achskörper unterfangen, Federbrillen lösen und Achse nach vorne herausfahren.
    5. Der Einbau erfolgt analog zur Hinterachse mit Fokus auf den korrekten Sitz des Herzbolzens.

    Variante B: Angetriebene Vorderachse (Typ LA)

    Die Allrad-Vorderachse verfügt über zusätzliche Antriebswellen (Doppelkreuzgelenke oder Gleichlaufgelenke) im Bereich der Achsschenkel sowie ein zentrales Differenzial.

    1. Zusätzliche Demontageschritte:
      • Vordere Kardanwelle vom Verteilergetriebe zum Vorderachsgetriebe flanschseitig lösen und sichern.
      • Pneumatische Ansteuerung für die Vorderachssperre (falls vorhanden) trennen.
    2. Lenkung und Bremse: Lenkstange am Lenkstockhebel oder Achsschenkel trennen. Bremsschläuche demontieren.
    3. Gewicht beachten: Durch das Differenzialgehäuse und die massiven Achsschenkelgehäuse ist diese Achse extrem kopflastig. Beim Absenken ist die Balance genau auszutarieren.
    4. Federbrillen lösen und Achse ausfädeln.

    4. Einstellungsarbeiten nach dem Achswechsel

    Nach dem physischen Tausch der Achsen müssen zwingend geometrische und mechanische Einstellungen vorgenommen werden, um Reifenverschleiß, Instabilität und Getriebeschäden zu verhindern.

    4.1 Spur und Lenkung einstellen (Vorderachse)

    Die Überprüfung und Einstellung der Spur ist nach jedem Wechsel der Vorderachse oder von Teilen des Lenkgestänges zwingend erforderlich.

    • Voraussetzung: Das Fahrzeug steht auf ebenem Boden, die Lenkung befindet sich in exakter Geradeausstellung (Mittelstellung des Lenkgetriebes beachten).
    • Messung: Die Spurmessung erfolgt mechanisch mit einer Spürmessstange an den Felgenhörnern (jeweils vorn und hinten auf Höhe der Radmitte).
    • Einstellwert: Beim IFA W50 ist konstruktiv eine Vorspur vorgeschrieben. Diese liegt je nach Achstyp (angetrieben vs. antriebslos) und Bereifung (Standard vs. Niederdruck/Ballonreifen) im Bereich von 2 bis 5 mm. Das bedeutet, die Räder stehen vorne minimal enger zusammen als hinten.
    • Korrektur: Die Einstellung erfolgt durch Drehen der Spurstange nach dem Lösen der Klemmschrauben an den Spurstangenköpfen. Nach der Einstellung Klemmschrauben wieder vorschriftsmäßig sichern.

    4.2 Achsschenkelbolzen und Radlagerung (Vorderachse)

    Besonders bei der Allradachse (LA) ist das Spiel der Achsschenkelbolzen (obere und untere Lagerung des Radkopfes) kritisch.

    • Einstellung Achsschenkel: Das Lagerspiel wird über Passscheiben (Ausgleichsscheiben) unter den Lagerdeckeln eingestellt. Die Achsschenkellagerung muss spielfrei, aber leichtgängig (ohne zu klemmen) beweglich sein.
    • Radlagerspiel einstellen: Die Radlager (Kegelrollenlager) werden über die Achsmutter eingestellt.
      • Vorgehensweise: Mutter festziehen, bis sich das Rad nur noch schwer drehen lässt (damit sich die Lager setzen). Danach die Mutter so weit zurückdrehen (ca. 1/6 bis 1/8 Umdrehung), bis das Rad frei dreht, aber kein spürbares kippendes Spiel mehr aufweist. Mit dem Sicherungsblech/Splint fixieren.

    4.3 Zahnflankenspiel und Tragbild (Differenzialgetriebe)

    Wurde im Zuge des Achswechsels auch das Achsgetriebe (Differenzial) getauscht oder revidiert, muss das Zahnflankenspiel zwischen Tellerrad und Kegelrad eingestellt werden.

    • Das Zahnflankenspiel wird mittels Messuhr ermittelt und liegt werksseitig meist bei 0,15 bis 0,25 mm.
    • Die Einstellung erfolgt über die seitlichen Nutmuttern der Korblager oder über Einstellscheiben (je nach Achsausführung).
    • Tragbildkontrolle: Mithilfe von Tuschierpaste wird das Tragbild der Verzahnung überprüft. Die Tragzone unter Last muss im mittleren Bereich der Zahnflanke liegen.

    5. Wichtige Beachtungspunkte und Fehlerquellen

    • Mischbereifung und Abrollumfang: Bei der Allradvariante (LA) müssen die Reifen auf der Vorder- und Hinterachse den exakt gleichen Abrollumfang aufweisen. Da der W50 über kein Mitteldifferenzial verfügt (starrer Durchtrieb bei zugeschaltetem Allrad), führen unterschiedliche Reifenabnutzungen oder Reifengrößen zu massiven Verspannungen im Antriebsstrang, die Getriebe- oder Wellenschäden nach sich ziehen.
    • Schmierstoffe: Nach dem Achswechsel ist der Ölstand in den Differenzialen sowie (bei der LA-Achse) in den äußeren Radnabengehäusen/Gelenkgehäusen zu prüfen bzw. das Öl komplett zu erneuern. Schmiernippel an den Achsschenkeln und Federbolzen mit Mehrzweckfett abschmieren.
    • Entlüftung: Die Achsgehäuse verfügen über Entlüftungsventile (Reps-Ventile). Diese müssen sauber und gängig sein. Bei Verstopfung baut sich durch Erwärmung im Fahrbetrieb Druck auf, der das Öl durch die Wellendichtringe in die Bremstrommeln drückt.
    • Nachziehen der Verbindungen: Nach den ersten 50 bis 100 Kilometern Fahrbetrieb müssen die Muttern der Federbrillen sowie die Radmuttern zwingend mit dem vorgeschriebenen Drehmoment nachgezogen werden.