Der IFA Lkw L60 verfügt über eine hydraulisch-pneumatische Bremsanlage (allradgesteuerte Zweikreis-Bremse mit pneumatischer Unterstützung). Aufgrund des hohen Fahrzeuggewichts und der Systemkomplexität sind absolute Präzision, Sauberkeit und die Einhaltung der technischen Vorgaben bei Wartungsarbeiten an der Bremsanlage überlebenswichtig.
1. Wichtige Sicherheitshinweise und Vorbereitungen
- Sicherheitsrisiko: Arbeiten an der Bremsanlage dürfen nur von Personen mit entsprechenden Fachkenntnissen durchgeführt werden. Fehler können zum totalen Ausfall der Bremswirkung führen.
- Fahrzeugsicherung: Das Fahrzeug ist gegen Wegrollen durch Unterlegkeile zu sichern. Bei Arbeiten unter dem Fahrzeug ist eine mechanische Abstützung (Unterstellböcke) zwingend erforderlich. Die Feststellbremse (Federspeicher) sollte gelöst werden, wenn an den Trommeln/Gestängestellern gearbeitet wird – hierbei ist extreme Vorsicht geboten.
- Umgang mit Bremsflüssigkeit: Bremsflüssigkeit ist giftig, stark korrosiv und greift Lacke sowie Gummidichtungen (die nicht für das Bremssystem vorgesehen sind) an. Verschüttete Flüssigkeit sofort mit reichlich Wasser abspülen. Es darf ausschließlich neue, originalverschlossene Bremsflüssigkeit der vorgeschriebenen Spezifikation (in der Regel DOT 4, sofern nicht explizit laut Betriebsanleitung des spezifischen Modells/Baujahrs anders ausgewiesen) verwendet werden.
- Sauberkeit: Vor dem Öffnen von Ausgleichsbehältern oder Entlüfterschrauben sind die umliegenden Bereiche penibel von Schmutz, Fett und Rost zu reinigen.
2. Vorgehensweise beim Wechsel der Bremsflüssigkeit
Der Wechsel sollte im Zuge der regelmäßigen Wartungsintervalle (spätestens alle 2 Jahre) erfolgen, da Bremsflüssigkeit hygroskopisch ist (Wasser anzieht), was zu Blasenbildung bei Erhitzen und zu Korrosion im System führt.
Vorbereitung des Systems
- Druckluftanlage des Fahrzeugs vollständig befüllen (Betriebsdruck aufbauen), da der hydraulische Druck durch den pneumatischen Vorspannzylinder (Verstärker) unterstützt wird. Mit dem Motorkompressor Druck aufbauen, bis das Überdruckventil abbläst. Danach Motor abstellen.
- Den Deckel des Bremsflüssigkeits-Ausgleichsbehälters reinigen und öffnen.
- Die alte Bremsflüssigkeit im Behälter mit einer Absaugpumpe weitgehend absaugen. Achtung: Den Behälter niemals vollständig leerlassen, um das Eindringen von Luft in die Hauptbremszylinder zu verhindern.
- Den Behälter mit frischer Bremsflüssigkeit bis zur "Max"-Markierung auffüllen.
Entlüftungs- und Spülvorgang (Reihenfolge einhalten)
Die Entlüftung erfolgt grundsätzlich vom am weitesten entfernten Punkt zum nächstgelegenen Punkt bezogen auf den Hauptbremszylinder. Beim L60 bedeutet dies standardmäßig: Hinten Rechts $\rightarrow$ Hinten Links $\rightarrow$ Vorne Rechts $\rightarrow$ Vorne Links. Zusätzlich müssen gegebenenfalls die Entlüfterventile am hydraulischen Vorspannzylinder (Bremskraftverstärker) und am ALB-Regler (automatisch-lastabhängige Bremse) berücksichtigt werden.
- Einen transparenten Schlauch auf das Entlüfterventil des Radbremszylinders stecken und das andere Ende in ein sauberes Auffanggefäß leiten, das teilgefüllt mit Bremsflüssigkeit ist (verhindert das Zurücksaugen von Luft).
- Zwei-Personen-Methode oder Entlüftungsgerät:
- Mit Entlüftungsgerät: Gerät an den Ausgleichsbehälter anschließen (Vorgabedruck beachten, meist max. 1–1,5 bar) und Ventil öffnen.
- Manuelle Methode: Person A baut durch mehrmaliges, langsames Betätigen ("Pumpen") des Bremspedals Druck auf und hält das Pedal getreten. Person B öffnet das Entlüfterventil um ca. eine halbe Umdrehung. Das Pedal sinkt durch. Ventil schließen, bevor das Pedal ganz am Bodenblech ist. Vorgang wiederholen.
- Flüssigkeit so lange durchspülen, bis sie vollkommen klar, hell und absolut blasenfrei austritt.
- Entlüfterschraube festziehen (Anzugsdrehmoment beachten, nicht überdrehen) und Schutzkappe wieder aufsetzen.
- Wichtig: Während des gesamten Vorgangs kontinuierlich den Flüssigkeitsstand im Ausgleichsbehälter kontrollieren und nachfüllen. Reißt der Flüssigkeitsstrom ab und wird Luft angesaugt, muss der gesamte Prozess von vorne begonnen werden.
- Den Vorgang an allen verbleibenden Radbremszylindern in der korrekten Reihenfolge wiederholen.
3. Vorgehensweise beim Einstellen der Bremse (Trommelbremse)
Der L60 verfügt über Simplex- bzw. Duplex-Trommelbremsen (je nach Achse und Ausführung). Das korrekte Lüftspiel (Abstand zwischen Bremsbelag und Trommel) ist entscheidend für kurze Ansprechzeiten und das Verhindern von Heißläufen.
Mechanische Grundeinstellung (Lüftspiel einstellen)
Sofern keine automatischen Gestängesteller verbaut sind oder diese manuell nachgestellt werden müssen:
- Das einzustellende Rad mittels Wagenheber so weit anheben, bis es sich frei drehen lässt. Fahrzeug gegen Herabfallen sichern.
- Auf der Rückseite der Ankerplatte befinden sich die Einstellschnecken bzw. Nachstellbolzen für die Bremsbacken.
- Die Einstellschraube in Drehrichtung drehen, bis der Bremsbelag fest an der Bremstrommel anliegt und sich das Rad von Hand nicht mehr drehen lässt (Zentrierung der Backen).
- Von diesem Festpunkt aus die Einstellschraube vorsichtig schrittweise zurückdrehen (meist ca. 1–2 Rastungen oder eine viertel Umdrehung), bis sich das Rad wieder völlig frei und ohne spürbaren Schleifwiderstand drehen lässt. Ein minimales, punktuelles Schleifen durch leichte Unrundheiten der Trommel ist tolerierbar, das Rad darf jedoch nicht blockiert oder stark abgebremst werden.
- Den Vorgang für die zweite Backe des Rades (falls getrennt einstellbar) wiederholen.
- Rad absenken und das Verfahren an allen anderen Rädern wiederholen.
Kontrolle des Bremsgestänges und der Kolbenhbe
- Prüfen, ob die Bremsgestänge leichtgängig sind und die Rückzugfedern die Bremsnocken vollständig in die Ausgangsposition zurückziehen.
- Bei betätigter Bremse (voller Betriebsdruck) darf der Hub der Bremszylinderkolben nicht zu groß sein (Richtwert: maximal zwei Drittel des Gesamthubs). Ein zu großer Hub deutet auf zu viel Lüftspiel oder verschlissene Bremsbeläge hin.
4. Was gilt es zu beachten? (Spezifische Besonderheiten und Fehlerquellen)
- Der ALB-Regler: Bei der Durchführung des Bremsflüssigkeitswechsels und der Prüfung an der Hinterachse ist zu beachten, dass der automatisch-lastabhängige Bremskraftregler (ALB) je nach Beladungszustand den Durchfluss regelt. Bei unbeladenem Fahrzeug ist der Durchlass minimiert. Zum vollständigen Entlüften und Spülen sollte der Hebel des ALB-Reglers manuell in Position "Vollbelastung" fixiert werden, um den maximalen Durchfluss zu gewährleisten. Nach den Arbeiten die Fixierung unbedingt wieder entfernen!
- Manschetten-Kontrolle: Beim Arbeiten an den Radbremszylindern stets die Staubmanschetten auf Risse und austretende Bremsflüssigkeit kontrollieren. Feuchte Manschetten deuten auf defekte Kolbendichtungen hin; der Radbremszylinder muss in diesem Fall getauscht oder regeneriert werden.
- Prüfung auf Heißlauf: Nach dem Einstellen der Bremse ist eine Probefahrt durchzuführen. Nach einigen Kilometern (ohne übermäßiges Bremsen) die Temperatur der Bremstrommeln erfühlen (Vorsicht: Verbrennungsgefahr). Ist eine Trommel übermäßig heiß, ist das Lüftspiel an diesem Rad zu gering oder die Bremsbacke verklemmt.
- Prüfstandsfahrt: Nach Abschluss aller Arbeiten ist ein Bremsentest auf einem Rollenprüfstand zwingend erforderlich, um die Gleichmäßigkeit (Gleichlauf innerhalb der gesetzlichen Toleranzen) und die Mindestabbremsung nachzuweisen.