Der IFA W50 wurde im Laufe seiner Produktionszeit mit unterschiedlichen Lenksystemen ausgestattet. Neben der rein mechanischen Kugelumlauflenkung (insbesondere in frühen Modellen oder spezifischen Varianten) kam überwiegend die hydraulisch unterstützte Lenkung (Servolenkung) zum Einsatz. Der Austausch und die korrekte Justierung dieser Baugruppen sind sicherheitsrelevante Arbeiten, die Präzision und Fachkenntnis erfordern.
1. Systemunterschiede: Kugelumlauf- vs. Hydrauliklenkung
Kugelumlauflenkung (Mechanisch)
- Funktionsprinzip: Die Drehbewegung der Lenksäule wird über eine Schnecke auf Kugeln übertragen, die in den Windungen einer Lenkmutter umlaufen. Diese bewegt das Lenksegment und damit den Lenkstockhebel.
- Eigenschaften: Hoher mechanischer Wirkungsgrad, jedoch systembedingt höhere Lenkkräfte im Stand. Der Verschleiß macht sich meist durch erhöhtes Spiel in der Mittelstellung bemerkbar.
Hydraulische Lenkung (Servolenkung)
- Funktionsprinzip: Basis bleibt ein mechanisches Lenkgetriebe, das jedoch durch einen hydraulischen Arbeitszylinder (integriert oder separat) und ein Steuerventil unterstützt wird. Eine vom Motor angetriebene Hydraulikpumpe liefert den nötigen Öldruck.
- Eigenschaften: Deutliche Reduzierung der Lenkkräfte. Wartungsintensiver durch zusätzliche Bauteile wie Schläuche, Pumpe, Dichtungen und den Hydraulikölkreislauf.
2. Vorgehensweise beim Wechsel von Lenkgetriebe und Lenksäule
Vorbereitung und Sicherheit
- Fahrzeug auf ebenem Untergrund sichern (Feststellbremse, Unterlegkeile).
- Vorderachse so aufbocken, dass die Räder frei hängen, und die Achse sicher mit Unterstellböcken unterfangen.
- Batterie abklemmen (Masseband).
- Bei hydraulischen Systemen: Sauberkeit im Umfeld der Anschlüsse sicherstellen, um das Eindringen von Schmutz in den Hydraulikkreis zu verhindern.
Demontage
- Innenraum / Fahrerhaus: * Lenkrad demontieren (Hupenknopf entfernen, Mutter lösen, ggf. Abzieher verwenden).
- Verkleidungen der Lenksäule und elektrische Anschlüsse (Blinker-, Abblendschalter) demontieren.
- Befestigung der Lenksäule am Armaturenbrett/Fahrerhausboden lösen.
- Unterseite / Motorraum:
- Bei Hydrauliklenkung: Hydrauliköl an der tiefsten Stelle ablassen. Hydraulikleitungen am Lenkgetriebe abschrauben und die Anschlüsse sofort mit Blindstopfen verschließen.
- Verbindung zum Lenkgestänge trennen: Kronenmutter am Lenkstockhebel entfernen und den Konusbolzen der Schubstange mit einem geeigneten Kugelgelenkabzieher ausdrücken. Niemals mit dem Hammer direkt auf das Gewinde schlagen.
- Sollte der Lenkstockhebel auf der Segmentwelle verbleiben, diesen vorab mit Markierungen versehen. Alternativ den Hebel mit einem schweren Abzieher von der Verzahnung der Segmentwelle trennen.
- Ausbau der Einheit:
- Befestigungsschrauben des Lenkgetriebegehäuses am Rahmen lösen.
- Lenkgetriebe inklusive der kompletten Lenksäule vorsichtig nach unten bzw. durch die dafür vorgesehene Öffnung im Fahrerhausboden herausführen. Aufgrund des hohen Eigengewichts ist ein zweiter Monteur oder ein Hebezeug erforderlich.
Montage der Neueinheit
- Das neue oder regenerierte Lenkgetriebe in umgekehrter Reihenfolge ansetzen.
- Befestigungsschrauben am Rahmen ansetzen und mit dem vorgeschriebenen Drehmoment über Kreuz festziehen.
- Lenksäule im Innenraum ausrichten und fixieren. Dichtungen und Durchführungen am Fahrerhausboden auf korrekten Sitz prüfen, um das Eindringen von Abgasen und Lärm zu verhindern.
- Lenkstockhebel in der exakten Mittelstellung (siehe Abschnitt "Einstellung") auf der Segmentwelle montieren. Sicherungselemente (Sicherungsblech/Mutter) vorschriftsmäßig anziehen.
- Bei Hydrauliklenkung: Neue Dichtringe verwenden und Hydraulikleitungen drallfrei anschließen.
3. Entlüftung des hydraulischen Systems
Nach der Montage des hydraulischen Systems muss dieses vollständig entlüftet werden:
- Hydraulikbehälter mit vorgeschriebenem Öl (z. B. Hydrauliköl HLP 46 oder nach Werksvorgabe) bis zur Maximum-Markierung befüllen.
- Ohne Motorstart: Bei angehobener Vorderachse das Lenkrad mehrmals langsam von Endanschlag zu Endanschlag drehen. Dabei den Ölstand im Auge behalten und kontinuierlich nachfüllen.
- Motor kurzzeitig starten (ca. 5 Sekunden) und wieder abstellen. Ölstand erneut kontrollieren.
- Motor starten und im Leerlauf laufen lassen. Das Lenkrad erneut mehrfach zügig von Anschlag zu Anschlag drehen, bis keine Luftblasen (Schaumbildung) mehr im Vorratsbehälter sichtbar sind.
4. Vorgehensweise beim Einstellen der Lenkung
Ziel der Einstellung ist es, das Lenkungsspiel in der Hauptfahrstellung (Geradeausfahrt) zu minimieren, ohne dass die Lenkung in den Endlagen klemmt oder schwergängig wird.
Ermittlung der Mittelstellung (Geradeausstellung)
- Das Lenkgetriebe hat in der exakten Mitte den geringsten Spalt zwischen Schnecke/Lenkmutter und Segmentwelle.
- Das Lenkrad von einem Endanschlag zum anderen drehen und die Umdrehungen zählen. Die genaue Hälfte dieser Umdrehungen markiert die mechanische Mittelstellung des Getriebes.
- In dieser Position müssen die Räder exakt auf Geradeausfahrt stehen und der Lenkstockhebel seine definierte Mittelposition einnehmen.
Einstellung des Zahnflankenspiels (Segmentwelle)
Das Spiel wird über die Einstellschraube reguliert, die sich meist auf dem Gehäusedeckel des Lenkgetriebes befindet (gesichert durch eine Kontermutter).
- Kontermutter der Einstellschraube lösen.
- Lenkung in Mittelstellung bringen.
- Die Einstellschraube vorsichtig feinfühlig hineindrehen (Spiel wird geringer), bis ein spürbarer Widerstand auftritt, dann eine minimale Nuance zurückdrehen.
- Prüfung: Das Lenkrad von Endanschlag zu Endanschlag drehen. Der Übergang über die Mittelstellung muss spielfrei, aber absolut leichtgängig und ohne "Haken" oder Klemmen erfolgen.
- Kontermutter festziehen, dabei die Einstellschraube gegen Verdrehen sichern.
5. Wichtige Hinweise und Sicherheitsrisiken
⚠️ WICHTIGE SICHERHEITSHINWEISE
- Sperrbegrenzung beachten: Die mechanischen Endanschläge der Achse (Lenkeinschlagbegrenzung an der Faustachse) müssen vor den internen Beg Anschlägen des Lenkgetriebes wirksam werden. Andernfalls wird das Lenkgetriebe bei vollem Einschlag mechanisch überlastet, was zum Bruch des Gehäuses führen kann.
- Keine Schweißarbeiten: An Lenkungsteilen (Lenkstockhebel, Schubstange, Lenksäule) sind Schweiß- oder Richtarbeiten strengstens verboten. Beschädigte Teile müssen zwingend durch Original-Neuteile oder fachgerecht regenerierte Bauteile ersetzt werden.
- Sauberkeit bei Hydraulik: Kleinste Schmutzpartikel im Hydrauliksystem können die Steuerventile blockieren, was zum plötzlichen Ausfall der Lenkunterstützung oder zum selbsttätigen Lenken des Fahrzeugs führen kann.
- Prüfung nach Probefahrt: Nach einer ausgiebigen Probefahrt sind alle Befestigungsschrauben, die Anschlüsse der Hydraulik sowie die Freigängigkeit aller beweglichen Teile im gesamten Federwegsbereich der Achse nochmals visuell und mechanisch zu kontrollieren.