Auf Afrikareise mit dem W50

Auf Afrikareise mit dem W50: Zwei Eichsfelder improvisieren mitten in der Sahara

40 Grad, defekte Technik und nächtliche Einbrecher: Zwei Eichsfelder kehren mit unvergesslichen Geschichten aus Marokko zurück.

Von Sebastian Grimm

Eichsfeld. Seit dem 11. April sind Renato Pietsch und Joachim Seeboth auf großer Fahrt. Mit der Fähre setzten die beiden von Spanien nach Afrika über – und tauchten ein in die faszinierende, aber auch fordernde Welt Marokkos. Nach rund 4000 Kilometern durch Europa erreichten die beiden Eichsfelder endlich ihr Ziel. Die Reise sollte für beide zu einem echten Abenteuer werden.

Großstadtverkehr und Müllentsorgung schockieren

Abenteuer hatte sich Renato Pietsch vor seiner Reise auch gewünscht. Denn seit Ende vergangenen Jahres hält er die Erlebnisse mit seinem alten NVA-Lastwagen der Marke W50 in Kinderbüchern fest. „Mir sind die Geschichten ein wenig ausgegangen. Es wird Zeit, dass Willi neue erlebt“, sagte Pietsch vor dem Aufbruch nach Afrika. Zuvor hatte der Worbiser bereits weit über 30 Länder bereist und so manches Abenteuer erlebt. Neben den Büchern lässt er die Abenteuer seines W50 auch in Animationsfilmen noch einmal Revue passieren.

Die Route führte die Eichsfelder durch beeindruckende Landschaften: Über Gebirgspässe in bis zu 2400 Meter Höhe führte die Fahrt mit den zwei W50, denn auch Joachim Seeboth ist mit seinem Lastwagen der Marke W50 unterwegs. Neun Tage benötigten sie bis nach Mhamid, wo die Temperaturen auf knapp 40 Grad kletterten.

„Es ist eine sehr verschleißstarke Strecke und eine Tortur für unsere Technik gewesen“, berichtete Renato Pietsch im Gespräch mit dieser Zeitung. Auch die marokkanische Atlantikküste erkundeten die beiden Eichsfelder auf ihrer Tour.

Die extremen Bedingungen forderten ihren Tribut: Gleich zu Beginn in Marokko versagte der Einspritzpumpenantrieb des Lkw – und musste mit provisorischen Mitteln vor Ort notdürftig repariert werden. Weitere Probleme folgten: Verschmutzte Kraftstofffilter und ein defektes Luftsystem machten den Männern zu schaffen.

Den entscheidenden Ausweg fanden sie in einer Hinterhofwerkstatt in Zagora. Dort ließen sie fehlende Ersatzteile kurzerhand anfertigen – aus ein paar Metallstücken, nach eigenen Vorgaben. Die Verständigung mit den Mechanikern und Einheimischen gelang per Zeichensprache, Englisch und Französisch. „Das spreche ich aber selbst nicht gut“, so Pietsch.

Trotz aller Widrigkeiten war die Reise vor allem eines: ein menschliches Erlebnis. „Kinder haben von uns immer Süßigkeiten bekommen, manchmal auch Textilien“, erzählt Renato Pietsch. Auf Märkten tranken die Eichsfelder gemeinsam mit Einheimischen Tee, versorgten sich mit frischem Fleisch und Gemüse und verteilten Getränke aus der Neunspringer Brauerei in Worbis.

Es blieb nicht aus, dass die beiden Eichsfelder regelmäßig angehalten wurden. „Die Einheimischen versuchen immer, etwas zu verkaufen, oder bitten um Geld“, erzählt Renato Pietsch. Doch die Begegnungen mit der Bevölkerung empfanden beide durchweg als herzlich und bereichernd.

Einen ganz anderen Eindruck hinterließen die Großstädte wie Marrakesch oder Casablanca. „Der Straßenverkehr ist der Wahnsinn“, sagt Pietsch. Mopeds, Eselkarren, Fußgänger – alles drängte sich durch die engen Straßen.

„Die hängen sich einfach mit einem Moped oder Eselkarren an einen Lkw ein, Handy am Ohr, Kind im Arm – und das entgegen der Fahrtrichtung.“ Straßenregeln? Fehlanzeige. Auch im Umgang mit Müll sei vieles für westliche Augen befremdlich: Abfälle würden achtlos entsorgt, Müllberge einfach angezündet.

Ein besonders unangenehmes Erlebnis folgte in der Nacht von vergangenem Sonntag: Gegen 1.30 Uhr versuchten zwei Personen, die Dachbox vom W50 von Renato Pietsch aufzubrechen. Es waren offenbar Flüchtlinge, die versuchten, illegal mitzureisen. „Das habe ich verhindert“, sagt Pietsch ruhig.

Mittlerweile haben die beiden Eichsfelder Afrika hinter sich gelassen und befinden sich auf dem Heimweg. Eine Reise, die unter die Haut geht – mit Pannen, Abenteuern, unvergesslichen Begegnungen und jeder Menge Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.

Die nächsten Bücher von Renato Pietsch über die Abenteuer von Willi dem W50 und seinen Freunden werden bald erscheinen. Aber jetzt heißt es für die Eichsfelder Weltenbummler erst einmal, die letzten Kilometer bis in die Heimat gut zu überstehen.

Bildunterschrift:

Nach 4000 Kilometern erreichten Renato Pietsch und die anderen Mitglieder der Reisegruppe Zagora in Marokko. Mit den Einheimischen kamen die Eichsfelder immer wieder ins Gespräch. (Foto: Christian Hosbach)